Auf dem Weg zu einem gemeinsamen Wasserstoffmarkt in Europa
(Gastbeitrag von Henriette Breitkopf – Rechtsreferendarin beim Brandenburgischen Oberlandesgericht, ehemalige wissenschaftliche Mitarbeiterin bei GvW)
Die im April 2025 veröffentlichte Machbarkeitsstudie „UK-Germany Joint Feasibility Study on the Trade of Hydrogen“, erstellt von Arup, der Deutschen Energie-Agentur (dena) und Adelphi im Auftrag des ehemaligen Bundesministeriums für Wirtschaft und Klimaschutz (BMWK) sowie des britischen Department for Energy Security and Net Zero (DESNZ), analysiert umfassend die Möglichkeiten und Herausforderungen eines künftigen Wasserstoffhandels zwischen Deutschland und Großbritannien.
Grundlagen und Ziele
Die Studie hebt folgende zentrale Handlungsfelder hervor, die für die Entwicklung eines internationalen Wasserstoffmarktes notwendig sind: Die Entwicklung von Onshore- und Offshore-Wasserstoffinfrastrukturen, die Angleichung der technischen Anforderungen für den Handel mit molekularem Wasserstoff und die Unterstützung bei der Etablierung eines entsprechenden Marktes, der den Handel zwischen Erzeugern und Abnehmern ermöglichen soll.
Infrastruktur und zentrale Maßnahmenbereiche
Im Rahmen der Bewertung der Infrastruktur wurden vier Routenoptionen untersucht: eine direkte Verbindung zwischen dem britischen und deutschen Festland, eine Anbindung an das Offshore-Wasserstoffnetz AquaDuctus sowie Verbindungen über die Niederlande oder Belgien. Hingegen sei es unwahrscheinlich, dass bestehende Öl- und Gaspipelines in der Nordsee kurzfristig für den Wasserstofftransport umgerüstet werden können, da sie vertraglich an die Erdgasversorgung gebunden sind und umfangreiche technische sowie regulatorische Herausforderungen bestehen.
Die rechtzeitige Bereitstellung der Onshore-Netze sei entscheidend für die Realisierung der Verbindungsleitung. In Deutschland wurde der Vorschlag für das Wasserstoff-Kernnetz im Juli 2024 vorgelegt und im Oktober genehmigt. In Großbritannien arbeite der National Energy System Operator (NESO) an einem räumlichen Strategieplan für Energie (SSEP), der bis Ende 2026 veröffentlicht werden soll und die Grundlage für den zentralisierten strategischen Netzplan (CSNP) bildet. Dieser Plan wird aufzeigen, wie Produktion, Speicherung und Transport von Wasserstoff optimal verbunden werden können.
Als zentrales Infrastrukturprojekt wird außerdem die Offshore-Wasserstoffpipeline AquaDuctus genannt, die erneuerbaren Wasserstoff aus Offshore-Windparks in der deutschen Nordsee mit dem Festland und über die deutsche Wasserstoffinfrastruktur mit europäischen Verbrauchern verbindet. AquaDuctus soll die nationalen Wasserstoffnetze der Nordseeländer miteinander verknüpfen und so den Weg für einen europaweiten Offshore-Wasserstofftransport per Pipeline ebnen.
Die Studie identifiziert fünf zentrale Maßnahmenbereiche für die Entwicklung des pipelinegestützten Wasserstoffhandels zwischen Großbritannien und Deutschland:
1. Entwicklung der Voraussetzungen für den technischen Handel mit dem Wasserstoffmolekül
- Dies soll insbesondere durch die gemeinsame Angleichung von Wasserstoffemissionsnormen und Zertifizierungssystemen (ggf. unter Einbeziehung zuständiger Behörden wie der Europäischen Kommission) sowie der Entwicklung von technischen Betriebsanforderungen erfolgen.
2. Ermöglichung des kommerziellen Handels mit dem Wasserstoffmolekül zwischen den beiden Märkten ohne bzw. mit minimalen Hemmnissen
- Dafür sei erforderlich, dass die beide Regierungen untersuchen, wie Marktvereinbarungen zwischen Großbritannien und Deutschland erleichtert werden können und dazu mit potenziellen Projektentwicklern in Kontakt treten. Parallel solle auf britischer Seite die Exportkapazitäten und auf deutscher Seite die Anforderungen der Abnehmer bewertet werden. Beide Seiten sollten prüfen, ob finanzielle Unterstützungsmechanismen für den Handel erforderlich sind.
3. Entwicklung eines Geschäftsmodells für den Interkonnektor
- Im Zuge dessen sollten die Risiken und potenziellen Garantien für das Geschäftsmodell des Interkonnektors bewertet werden, um Unsicherheiten und hohe Anfangskosten zu adressieren. Darauf aufbauend könne der konkrete Unterstützungsbedarf ermittelt werden um anschließend durch die beiden Regierungen und Regulierungsbehörden das Verfahren zur Zuweisung von Geschäftsmodellen festzulegen und zu prüfen, ob die von Projektentwicklern vorgeschlagene Pipeline-Dimensionierung technisch und wirtschaftlich optimal ist.
4. Entwicklung des regulatorischen Rahmens für den Interkonnektor
- Die britische Regierung solle prüfen, ob Änderungen am Rahmen für Gaslizenzen notwendig sind. Beide Regierungen sollten an der Kompatibilität der kommerziellen Betriebsanforderungen für den Interkonnektor arbeiten und diese als Teil des Rechtsrahmens abstimmen. Zudem sollte gemeinsam mit den zuständigen Regulierungsbehörden geprüft werden, ob es Unterschiede bei den nationalen technischen Regulierungsanforderungen gibt, und einen Plan zur Bewältigung etwaiger Differenzen entwickeln.
5. Angleichung der Bereitstellung der breiteren Wasserstoff-Wertschöpfungskette
- Großbritanniens NESO solle den Bedarf an Verbindungen zwischen einem inländischen Wasserstofftransport- und Speichernetz und einer internationalen Handelsinfrastruktur analysieren. Auf der anderen Seite solle die Bundesregierung die Integration eines potenziellen Interkonnektors in die Planung des Wasserstoff-Kernnetzes überprüfen und für Koordination zwischen den Netzbetreibern sorgen.
Innerhalb dieser Maßnahmenbereiche legt die Studie vier Schwerpunkte fest, um die Umsetzung der Maßnahmen nach der Veröffentlichung dieser Studie zu initiieren und zu unterstützen:
- Entwicklung eines Umsetzungsplans für die minimale regulatorische Angleichung, die erforderlich ist, um eine Verbindungsleitung zu ermöglichen,
- Bestimmung des besten Mechanismus zur Unterstützung der Einberufung des Marktes,
- Durchführung einer Bewertung der technisch-wirtschaftlichen Realisierbarkeit von Trassenoptionen auf hohem Niveau und
- Einbindung der Interessengruppen.
Ausblick
Die Studie kommt zu dem Schluss, dass ein pipelinegestützter Wasserstoffhandel zwischen Großbritannien und Deutschland technisch möglich ist. Dies setzt jedoch voraus, dass man die Infrastrukturplanung eng miteinander abstimmt, technische und regulatorische Standards harmonisiert sowie tragfähige Geschäftsmodelle und rechtliche Rahmenbedingungen entwickelt. Der am 17. Juli 2025 unterzeichnete Freundschaftsvertrag zwischen Großbritannien und Deutschland unterstreicht die Absicht, im Bereich Wasserstoff insbesondere in der Nordsee zusammenzuarbeiten und die Entwicklung der erforderlichen Infrastruktur zu beschleunigen. Vor dem Hintergrund der aktuellen Diskussionen um den Bundeshaushalt 2025 und der im Entwurf vorgesehenen Kürzungen für den Hochlauf der Wasserstoffwirtschaft erscheint es allerdings angezeigt, die weitere Entwicklung aufmerksam zu beobachten. Es lässt sich nicht ausschließen, dass eine geringere staatliche Unterstützung auf nationaler Ebene künftig auch internationale Projekte und Investitionen beeinflusst, wie sie beim angestrebten Wasserstoffhandel mit Großbritannien geplant sind. Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass weniger Förderung in Deutschland auch die Zusammenarbeit mit Großbritannien beim Wasserstoffhandel mittel- bis langfristig beeinträchtigen könnte. Insofern bleibt abzuwarten, inwieweit die politischen Rahmenbedingungen den ambitionierten Ausbau eines gemeinsamen europäischen Wasserstoffmarktes weiterhin unterstützen werden.